Grusswort von Bundesrat Martin Pfister, Primarlehrer, Oberst im Militärrang und Chef des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag am 20. September 2026. Pfister hielt die Ansprache in der Wandelhalle des Bundeshauses in Bern, am 17. September 2026.
«Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag 2026».
Der Name dieses Feiertags tönt etwas sperrig. Fast wie eine staatliche Instruktion zum Beten. Doch es ist kein Tagesbefehl.
Sondern eine Einladung die ortsübliche Hektik zu unterbrechen – und innezuhalten. Um zu denken. Und zu danken.
Dank
In der Politik gehört Danken nicht unbedingt zum Tagesgeschäft.
- Wenn etwas gelingt, war es der Verdienst der eigenen Partei.
- Wenn etwas misslingt, das Versagen der anderen Parteien.
- Und wenn niemand genau weiss, wer schuld ist, war es vermutlich der Bundesrat…
In diesem Sinn sind die emsigen, bundeshäuslichen Korridore der ideale Ort, um gemeinsam innezuhalten.
Meine Damen und Herren
Es ist mir eine Ehre im Namen des Bundesrats einige Worte an Sie richten zu dürfen.
Was das Danken betrifft, haben wir in der Schweiz eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt: Wenn der Zug drei Minuten Verspätung hat, können wir uns ziemlich laut echauffieren. Wenn er pünktlich kommt, sagen wir dagegen nichts. Dabei wäre eigentlich das Bemerkenswerte, dass in diesem Land jeden Morgen Tausende von Zügen fahren. Dass Strom aus der Steckdose kommt. Sauberes Trinkwasser aus dem Hahn fliesst. Und wir uns auf all das täglich verlassen können.
Dankbarkeit beginnt vielleicht dort, wo wir das Selbstverständliche wieder für bemerkenswert halten.
Denn wenn wir einen Blick über den Tellerrand werfen, merken wir bald, dass wir zu den Glücklichen dieser Welt gehören. Seit 200 Jahren wurde die Schweiz von der Weltgeschichte zwar nicht vollkommen verschont, aber ziemlich pfleglich behandelt. Wir nehmen dieses Glück zwar zur Kenntnis, doch oft nicht mehr wahr.
So verhält es sich vielleicht auch mit Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit: Der Tatsache, dass man in diesem Land Politikerinnen und Politiker abwählen kann. Oder dem Bundesrat die Schuld in die Schuhe schieben darf, ohne befürchten zu müssen, dass morgens um drei die Polizei vor der Tür steht.
Auch das ist nicht selbstverständlich.
„Im normalen Leben wird einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich viel mehr empfängt, als er gibt,» hat der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer geschrieben.
Der heutige Tag unterbricht für einen Moment die Gewohnheit des Selbstverständlichen. Er erinnert uns daran, dass vieles, worauf wir bauen, keineswegs garantiert ist.
Und wer erkennt, was ihm gegeben ist, kann sich fragen, was er daraus macht. Und hier kommt das altertümliche Wort «Busse» ins Spiel.
Busse
Das Wort «Busse» mag uns allenfalls an das Strassenverkehrsgesetz erinnern. Gemeint ist heute allerdings etwas anderes.
Busse bedeutet hier nicht Strafe. Nicht, sich zu geisseln. Sondern selbstkritisch zu fragen: Wo habe ich gefehlt? Wo hätte ich es besser machen können?
- Wo habe ich Zwischentöne überhört und stattdessen die Konfrontation gesucht?
- Welcher Kommentar war unnötig?
- Wo übertönte die laute Debatte das leise, sachliche Gespräch?
Das sind bis heute keine schlechten Fragen. Gerade in diesem Haus.
Die Fähigkeit zum sachlichen Diskurs, zum politischen Konsens und zum Kompromiss ist eine der grossen Stärken der Schweiz. Denn in einer Gesellschaft entstehen tragfähige Lösungen selten dadurch, dass eine Seite die andere besiegt. Wir leben jedoch in Zeiten, in denen politischer Erfolg wieder vermehrt darin gesucht wird, religiöse, gesellschaftliche und ideologische Bruchlinien zu vertiefen, statt sie zu überbrücken.
Doch den Konsens suchen, ist keine Schwäche. Fehler einzugestehen auch nicht. Im Gegenteil: Es ist der erste Schritt, es morgen besser zu machen. Als Bürgerin und Bürger. Als Parlamentarierin und Parlamentarier. Und als Bundesrat.
Beten
Wer politische Verantwortung trägt, hat gute Gründe, gelegentlich um die Weitsicht zu bitten, richtige Entscheidungen zu treffen. Und um die Demut, zu wissen, dass sich unsere Entscheidungen gelegentlich als falsch erweisen.
In einem säkularen Staat verordnet der Bundesrat keine Gebete.
Das ist auch gut so.
Aber Beten darf seinen Platz haben, auch in einem säkularen Staat. Dabei interpretiert beten jeder auf seine Weise:
Für die einen ist es das Gebet zu Gott. Andere nutzen diesen Tag zur stillen Besinnung. Für Bitten, Wünsche und Hoffnungen. Vielleicht auch für die Einsicht, dass wir nicht allein auf der Welt sind und schon gar nicht ihr Mittelpunkt.
Bundesrat Martin Pfister, Rede zum Bettag 2026
Der «Dank-, Buss- und Bettag» hat eine lange konfessionelle und zugleich politische Geschichte. Schon vor der Gründung des Bundesstaates kannten die Kantone gemeinsame eidgenössische Bettage. (Die Tagsatzung legte bereits 1832 einen gemeinsamen Bettag für die Kantone fest.) Gerade in der damaligen Zeit konfessioneller und politischer Spannungen sollte ein gemeinsamer Tag des Dankens, der Busse und des Gebets etwas Verbindendes schaffen.
Nach der Gründung des Bundesstaates erhielt diese Tradition eine neue Bedeutung: Ein Land, das politisch und konfessionell tief gespalten gewesen war, hielt gemeinsam inne. Man könnte sagen: Dieser Feiertag war ein frühes Beispiel für pragmatischen Föderalismus und konfessionelle Toleranz.
Doch einem Irrtum sollten wir nicht erliegen
- Danken schliesst das Denken nicht aus.
- Busse ist kein Ersatz für Veränderung.
- Und Beten nicht für Handeln.
Allein hoffen, dass uns auch künftig erspart bleibt, was andere trifft, reicht nicht. Die Welt wird nicht von allein ein besserer und sicherer Ort. Wir müssen sie gestalten. Dafür braucht es Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Vielleicht liegt darin die eigentliche politische Botschaft des Feiertags mit dem sperrigen Namen:
- Dankbar sein für das, was uns gegeben ist.
- Selbstkritisch prüfen, was wir tun.
- Und zuversichtlich an dem arbeiten, was besser werden kann.
In dem Sinn feiern wir heute nicht einfach einen Tag im Kalender, sondern eine Haltung.
Ich danke Ihnen.
Bundesrat Martin Pfister
Partei „Mitte“, Chef des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS),
Quelle: VBS „Danken schliesst das Denken nicht aus„








