Sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger
Der 1. August ist ein Tag, an dem wir gemeinsam – und doch jede und jeder auf ihre oder seine Weise – auf die Schweiz blicken. Rorschach ist dafür der ideale Ort. Denn was wir heute im ganzen Land tun, ist im Grunde nichts anderes als ein Rorschachtest: jener berühmte psychologische Test mit den Tintenklecksen. Dasselbe Bild – und doch sieht jede und jeder etwas anderes.
Die Schweiz löst in uns allen unterschiedliche Bilder und Vorstellungen aus:
- Die einen essen heute Rösti, Risotto oder Raclette – andere eine Bratwurst.
- Die einen sehen vor ihrem Fenster Kühe – die anderen Kräne.
- Für die einen ist die Schweiz Locarno, für andere Yverdon-les-Bains – und für Sie allenfalls Goldach, Rorschacherberg oder Rorschach.
Die Schweiz ist überall. Und nirgends gleich. Es gibt keinen Referenzpunkt, der abschliessend definiert, was «schweizerisch» ist. Die Schweiz ist kein Punkt, sondern ein Geflecht aus 2’110 Gemeinden, 26 Kantonen und 4 Sprachregionen.
Der Trick des Rorschach-Tests ist – ein Psychologe hat es mir verraten – sich nicht auf einzelne Details zu konzentrieren, sondern das grosse Ganze im Auge zu behalten.
Doch dieser Blickwinkel ist im Alltag nicht immer einfach auszuhalten: Er verlangt uns ab, das Unbequeme zu sehen, das Unfertige, das Bedrohliche. Denn wir heute auf das Gesamtbild unserer Welt blicken, dann sehen wir eine Welt, die so unbeständig und bedrohlich ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Das kann einem den Mut nehmen.
Ich sehe regelmässig Dinge, die mir Hoffnung geben
Doch wenn ich in meinem Alltag um mich blicke, sehe ich regelmässig Dinge, die mir Hoffnung geben. Bilder, die zeigen, wie die Schweiz funktioniert:
- Zum Beispiel jenes des Musikvereins Blatten. Im vergangenen Jahr hat ein Bergsturz das Dorf Blatten verschüttet. Innerhalb weniger Augenblicke gingen Existenzen, Erinnerungen und ein bedeutender Teil des kulturellen Lebens verloren. Auch der örtliche Musikverein blieb von dieser Tragödie nicht verschont: Ausser zehn Instrumenten und sechs Uniformen ging alles verloren. Doch der Verein liess sich nicht entmutigen und setzte sich das Ziel am eidg. Musikfest in Biel aufzutreten. Dank der grossen Solidarität aus der ganzen Schweiz konnten die fehlenden Instrumente ersetzt und die Proben wieder aufgenommen werden. Musikvereine aus der ganzen Schweiz spendeten Konzert- und Lottoeinnahmen, statt sie für sich zu behalten. Es hat sich gelohnt: Die Musikgesellschaft Blatten gewann vor einigen Wochen in Biel den ersten Preis. Doch gewonnen hat an diesem Tag nicht nur ein Verein. Gewonnen hat auch die Idee der Schweiz. Eine Schweiz, die zusammensteht, wenn Menschen in Not geraten.
- Ich sehe den Brief auf meinem Schreibtisch im Bundeshaus. Herr Arnold aus Zürich schreibt mir, er habe kürzlich eine meiner Reden gehört, in der ich sagte: «Sicherheit ist eine gemeinsame Verantwortung.» Und er versichert mir, dass er seinem Nachbarn helfen werde, wenn dieser in Not geraten sollte. Lieber Herr Arnold, danke! Ihr Brief hat mich berührt. Denn er beweist: Gemeinschaft und Zusammenhalt beginnen im Alltag.
- Ich erinnere mich an die Bilder von der Rückseite des Mondes und unseres Planeten, die uns kürzlich erreichten. Bei der Artemis II-Mission war Schweizer Technologie mit an Bord. Die Schweizer Firma «Beyond Gravity» entwickelte die Solarpanels, die das Raumschiff mit Energie versorgten. Die Mission zeigt, wie weit man gemeinsam kommen kann.
Drei ganz unterschiedliche Geschichten. Und doch erzählen sie alle dasselbe: Die Schweiz wird nicht allein von Schienen und Strassen zusammengehalten. Sondern von Menschen. Von Bürgerinnen und Bürgern wie Ihnen. Menschen, die im Verein, in der Gemeinde, in der Armee, in der Politik oder im Quartier mehr tun als ihre Pflicht.
Dafür möchte ich Ihnen heute von Herzen danken.

Die Macht der Schweiz wird von vielen Schultern getragen
Der slowenischen Kulturphilosoph Slavoj Žižek meinte kürzlich; die Schweiz sei ein Land, in dem keiner so recht wisse, wer eigentlich regiere – und das trotzdem erstaunlich gut funktioniere.
Ich glaube, die Schweiz funktioniert gerade deshalb so gut: Weil die Macht und die Verantwortung in diesem Land von vielen Schultern getragen werden. Das bedeutet nicht, dass man sich immer einig ist.
Im Gegenteil: Wir ringen in diesem Land regelmässig laut, vielstimmig und leidenschaftlich um Lösungen. Viermal im Jahr wird die Schweiz von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern an der Urne neu vermessen.
In einer Demokratie ist dieses demokratische Ringen kein Krisen-Symptom, sondern der gewollte Normalfall. Politische Auseinandersetzungen sind kein Grund zur Nervosität, sondern ein Zeichen einer lebendigen Debattenkultur. Nervös machen mich vielmehr Länder, in denen nicht mehr gestritten wird.
Die politische Landschaft der Schweiz ist kein Flachland. Sie ist durchzogen von Furchen, Rinnen. Und ja, auch vom berühmten Röstigraben. Und bei jeder Abstimmung scheint sich zudem – wenigstens medial – ein neuer Graben aufzutun.
Die Schweiz ist ein Land der Verbindungen
Doch die Realität sieht anders aus: Die Schweiz ist kein Land der Gräben, sondern der Verbindungen.
Die Schweiz kennt keine Reservate von Berglern oder Städtern, Romands oder Deutschschweizern, Jungen oder Alten. Sie ist ein Land der Pendlerinnen und Pendler, das sich jeden Tag neu durchmischt. Menschen arbeiten in Zürich und wohnen im Tösstal. Selbst ich bin so ein Nomade: Ich pendle jede Woche aus einer Zuger Landgemeinde in die Bundesstadt. Und reise am Freitag zurück in die Provinz. Oder am 31. Juli nach Rorschach.
Ein Blick auf die Landkarte bestätigt dieses Bild. Zwar finden sich einige Flurnamen mit «Graben», aber ungleich mehr mit «Gräbi» oder «Gräbli». Genauso nehme ich unser Land wahr:
Es gibt Unterschiede, aber keine unüberwindbaren Gräben.
Ja, es kann laut werden. Das Ringen um Lösungen und Kompromisse ist ein anstrengender und gelegentlich schmerzhafter Prozess. Es tut weh, wenn man auf etwas verzichtet, das einem wichtig ist. Oder gar mehr bezahlen muss.
- Egal ob es um die Finanzierung der AHV geht.
- Der Frage wie wir künftig unsere Armee und damit unsere Sicherheit finanzieren wollen.
- Oder auf dem Bodensee die Schifffahrtsgesellschaften ihre unterschiedlichen Tarifsysteme so harmonisieren können, dass die verschiedenen Tageskarten wieder auf allen Schiffen anerkannt werden.
Wir haben das Suchen nach mehrheitsfähigen Lösungen in diesem Land zur Kunst erhoben. Sie sorgt dafür, dass die «Gräbli» nicht zu unüberwindbaren Gräben werden.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Der heutige Nationalfeiertag ist kein Anlass für naiven Optimismus.
Völkerrechtswidrige Kriege, der Vormarsch autokratischer Systeme und die immer spürbareren Folgen des Klimawandels zeigen uns: Der gewohnte Lauf der Dinge ist nicht mehr selbstverständlich. In verwirrenden Zeiten wächst leicht der Wunsch sich zurückzuziehen und die Augen vor den Herausforderungen zu verschliessen. Doch genau in Zeiten des Umbruchs, entscheidet sich, welchen Weg wir wählen. Zwischen Resignation und Zweckoptimismus gibt es einen dritten Weg:
Die Tugend der politischen Zuversicht
Diese ist mehr als einfach hoffen, dass am Ende alles gut kommt. Sie ist eine aktive, entschlossene Überzeugung, dass wir durch unser Handeln unsere gemeinsame Zukunft gestalten.
Zeiten des Umbruchs sind immer auch Chancen
Und die Schweiz hat gerade in solchen Zeiten oft Hervorragendes geleistet.
- Wir haben die AHV geschaffen.
- Den Gotthardbasistunnel (NEAT) gebaut.
- Und die Schweiz gehörte vor drei Wochen zu den besten acht Nationen der Weltsportart Fussball.
Dass uns dies gelungen ist, war kein Zufall.
Diese Errungenschaften und Erfolge sind das Ergebnis harter Arbeit. Und was die Weltgeschichte betrifft, hatten wir auch Glück: Die Schweiz blieb in den vergangenen zweihundert Jahren von den grossen Katastrophen Europas weitgehend verschont.
Wir hatten Glück – und das verpflichtet.
Denn die Welt – auch wenn wir es gelegentlich glauben – schuldet uns nichts. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass uns auch künftig erspart bleibt, was andere trifft. Die Zukunft wird nicht einfach gut. Wir müssen sie gemeinsam gestalten. Dafür braucht es Menschen, die Verantwortung übernehmen.
- Menschen, deren Ideen bis zum Mond fliegen.
- Menschen, die eine ramponierte Blasmusik wieder zum Klingen bringen.
- Menschen wie Herr Arnold, der seinem Nachbarn hilft, wenn dieser Hilfe braucht.
Bilder, die mir Zuversicht geben, weil wir sie gemeinsam lösen können
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am Anfang meiner Rede habe ich gesagt: Am 1. August blickt jede und jeder von uns etwas anders auf die Schweiz.
Wenn ich heute auf unser Land blicke, dann sind es genau diese Bilder, die mir Zuversicht geben. Nicht, weil wir keine Probleme hätten. Sondern weil wir immer wieder zeigen, dass wir sie gemeinsam lösen können.
Und wenn Sie das nächste Mal auf die Schweiz blicken – oder allenfalls einen Rorschachtest machen müssen. Denken Sie daran:
- Verlieren Sie sich nicht in unwichtigen Details.
- Sondern behalten Sie das grosse Ganze im Auge.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute eine schöne Bundesfeier.
Bundesrat Martin Pfister
Ansprache von Bundesrat Martin Pfister, Chef des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), anlässlich der 1. August-Feier, Rorschach am 31. Juli 2026.
Es gilt das gesprochene Wort.
Quelle: VBS Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport „«Die Schweiz wird nicht allein von Schienen und Strassen zusammengehalten. Sondern von Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.»„








