„Vertrauen“ – Rede von Bundesrätin Doris Leuthard anlässlich der Gedenkfeier zum 625-Jahr-Jubiläum der Schlacht bei Sempach

Liebe Festgemeinde.

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  • Sie vertrauten auf Gott und die eigene Kraft – hier auf dem Schlachtfeld.
  • Sie vertrauten der Gemeinschaft – den Familien, den Dörfern, den Orten.
  • Sie vertrauten ihrer politischen Idee – in die noch junge Alte-Eidgenossenschaft.
  • Sie vertrauten der Idee, keine fremden Herren über sich zu haben und als Gemeinschaft ihre Zukunft selber zu gestalten – deshalb waren sie siegreich.

Anders die Verbündeten der Habsburger.

Auch sie hatten Vertrauen

  • in schwer gepanzerte Ritter und ein waffenstarrendes Heer,
  • in Herzog Leopold III.,
  • in die Grossmacht Habsburg.

Sie vertrauten etablierten Machtstrukturen in der Hoffnung, eine lukrative Zukunft zu haben – deshalb wurden sie besiegt.

Welche Lehren können wir aus der Schlacht von Sempach für unsere Zeit, für unsere Zukunft ziehen?

Gewalt und Kriege bringen primär Leid und Verluste – das sehen wir heute auch wieder. Konflikte müssen anders gelöst werden. Dazu braucht es

  • unabhängig vom Jahrhundert immer wieder mutige, tatkräftige Frauen und Männer, die bereit sind, ihre Zukunft selber in die Hand zu nehmen – auch Nicht-Helden schreiben Geschichte,
  • ein Grundvertrauen in die Gemeinschaft und es braucht
  • eine politische Idee, ein Ziel, Werte, für die es sich gemeinsam, im Team zu kämpfen lohnt.

Dazu haben wir uns immer wieder zusammengerauft – auch in der jüngeren Vergangenheit. Es gab immer wieder Persönlichkeiten, die mit grosser Gestaltungskraft dieses Land bereichert haben – etwa bei der Gründung der neuen Volksschule (Johann Heinrich Pestalozzi 1746-1827), beim Bau der Jungfrau-Bahn (Eduard Locher: 1890) oder bei unserem grössten Sozialwerk der AHV (BR Stämpfli, Tschudi: 1948). Wer würde sich heute noch trauen, ein Loch in die Eigernordwand zu bohren – nur wegen der schönen Aussicht? Und selbst wenn: Bedenken- und Beschwerdeträger wüssten ein solches Projekt erfolgreich zu blockieren.

Es gab schon früher harte und lange Auseinandersetzungen.

Aber man fand immer einen Grundkonsens, der die Menschen und die Schweiz als Land weiterbrachte. Dem lag eine politische Idee zugrunde und der Wille, diese auch umzusetzen.

Die Idee einer gemeinsamen Schweiz mit einem grossen inneren Zusammenhalt, die offen ist gegenüber Neuem.

Der Wille, die Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen, das Leben der ganzen Bevölkerung zu verbessern – als freiheitliches Land mit einem hohen Grad an Menschenwürde, Eigenständigkeit und demokratischen Mitspracherechten!

Das hat die Schweiz erfolgreich gemacht.

Man begegnet uns in der Welt mit Respekt.

Wir haben schlimme Zeiten überstanden – Kriege, Seuchen Wirtschaftskrisen.

Aber weil wir zur Lösung der Probleme gut zusammengearbeitet haben, konnten wir unseren Platz in der Welt und auf dem europäischen Kontinent finden, ohne uns zu verbiegen, ohne unsere Eigenständigkeit aufzugeben.

Dazu haben alle beigetragen, jeder Bürger und jede Bürgerin, Politiker und Wirtschaftsführer, in den Familien, in den Schulen, am Arbeitsplatz oder in den politischen Gremien.

Das alles ist möglich, weil unsere Gesellschaft auf einem tief verwurzelten Grundvertrauen aufbaut.

Ich plädiere für ein Vertrauen, das auf Respekt, Kontrolle und auf der Kraft zur eigenen Gestaltung aufbaut.

Den Wert der kontrollierenden Machtteilung haben wir Schweizer früh erkannt.

Wir haben unsere urdemokratischen Instrumente geschaffen.

Wir üben diese Kontrolle als Souverän an der Urne, bei Abstimmungen oder Wahlen aus, in den Parlamenten.

Wir haben ein demokratisches System von gegenseitiger Kontrolle und partiellen Gleichgewichten aufgebaut gerade weil wir wissen: Der Mensch – auch der Politiker – ist fehlerhaft.

Deshalb haben wir Konkordanz-Regierungen, wo sich Mitglieder verschiedener politischer Richtungen gegenseitig ergänzen, koordinieren und auch kontrollieren.

Deshalb haben wir ein Milizsystem, damit Behörden eine berufliche, praktische Verankerung und Erfahrung behalten!

Wohin mangelnde Kontrollen führen, das haben wir in der letzten Wirtschaftskrise gesehen.

Wohin blindes Vertrauen führt, sehen wir dort, wo Handlungsspielräume schamlos übernutzt und in einer unübersichtlichen Welt Konstrukte gebastelt wurden, um selber zum schnellen Geld zu kommen – immer auf Kosten Dritter.

Auf der anderen Seite wird dieses Grundvertrauen in unsere Institutionen immer wieder attackiert.

Wenn jedes Problem zu einer Staatskrise hochstilisiert wird, wenn politische Verantwortungsträger permanent als selbstverliebte und machtbesessene Mitglieder einer „Classe Politique“ disqualifiziert werden – dann wird Misstrauen geschürt und Angst gesät in der Bevölkerung.

Das Resultat von Misstrauen sehen wir in den Blockaden bei dringend nötigen Reformen – etwa in der Sozialpolitik, oder im respektlosen Umgang mit Andersdenkenden.

Misstrauen und Rechthaberei untergraben das Vertrauen in den Staat.

Blockaden bringen uns nicht weiter.

Hätten die Eidgenossen hier in Sempach ihrer Strategie blind vertraut; das erste Zusammenprallen der beiden Heere wäre wohl das letzte gewesen und wir Schweizer wären heute vielleicht Österreicher.

Hätten wir uns ständig misstraut und auf Standpunkten beharrt, der helvetische Kompromiss, der uns immer weiterbringt, käme nie zustande.

Wir brauchen Vertrauen in die Institutionen – Vertrauen in die Menschen, denen diese staatlichen Aufgaben anvertraut sind – Polizisten, Richter, Steuerverwalter, Konkursbeamte, Nationalbanker und Regierungen.

Vertrauen, gepaart mit konstruktiver Kritik und mit dem Willen zur eigenen Gestaltung: Das ermöglicht uns, unser Handeln ständig zu hinterfragen, ständig zu optimieren, uns an Neues heranzuwagen.

Vertrauen fördert Lösungen.

Vertrauen bringt eine Gesellschaft weiter.

Vertrauensfördernd und glaubwürdig sind jene, die das tun, was sie sagen und das sagen, was sie tun.

Die alten Eidgenossen wollten sich eine bessere, selbstbestimmte Zukunft erkämpfen.

Das einte sie damals.

Was eint uns heute?

Auf den ersten Blick scheint Zwist und Streit verbreitet zu sein – zum Beispiel bei der Zuwanderung oder in der Energiepolitik.

In beiden Fällen brauchen wir eine Vertrauensbasis.

Wir wollen nicht, dass jemand in der Schweiz das Gefühl haben muss, von Ausländern vereinnahmt und gar verdrängt zu werden – sei es im Studium, am Arbeitsplatz oder in der Wohngemeinde.

Wir brauchen die Fremden.

Sie haben uns zu Wachstum und Wohlstand, zu Beschäftigung und Lebensqualität verholfen.

Wir erwarten aber auch, dass sie unsere gesellschaftlichen Werte, unsere Gesetze respektieren und unsere demokratischen Instrumente und Institutionen akzeptieren.

Wenn dieses Vertrauen verletzt wird, dann muss man auch sanktionieren.

Sonst würde das Vertrauen in den gerechten Staat leiden.

Die grossen Aufgaben, die sich durch die Zuwanderung stellen, können wir bewältigen, wenn wir nicht in einem Klima des Misstrauens miteinander umgehen.

Um genügend und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, faire Löhne für alle und gute Infrastrukturen, brauchen wir den Beitrag von allen.

Vertrauen ist auch in der Energiepolitik angesagt.

Nicht blindes Vertrauen – konstruktiv-kritisches Vertrauen.

Vertrauen in die Forscher, Unternehmer, Arbeiterinnen und Arbeiter, Konsumenten.

In Krisenzeiten sind wir immer wieder über uns hinausgewachsen, weil wir in die eigene Gestaltungskraft vertraut haben.

So können wir den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie angehen.

So finden wir den Einstieg in eine neue, möglichst selbstständige, risikoärmere Energieversorgung – kritisch aber vertrauensvoll.

Wenn wir diese Herausforderungen bewältigen wollen, dann müssen wir auf dieser Basis weiterarbeiten – die Politik zusammen mit der Bevölkerung, der Wirtschaft und der Wissenschaft.

Vertrauen in neue technische Entwicklungen und die Innovationskraft der Schweizer Unternehmen haben uns zum wettbewerbsfähigsten Land der Welt gemacht.

Vertrauen wir in diese Kraft der Berufsleute, der Forscher und Entwickler.

Zögern und Zaudern bringt uns nicht weiter.

Alle wollen wir das Beste für unser Land.

Das schaffen wir mit Vertrauen und Machtteilung – konstruktiver Kontrolle.

Das schaffen wir, wenn wir unterschiedlichen Ansichten offen, aber auch hart ausdiskutieren.

Das schaffen wir, wenn wir die Suche nach dem gemeinsamen Nenner vor die Selbstprofilierung stellen.

Wenn wir wieder die Fähigkeit entwickeln, Neues zu schaffen, wieder einmal einen grossen Wurf zu landen, statt uns ständig Steine in den Weg zu legen.

Wenn wir, so wie die Eidgenossen damals auch heute wieder, selbstbewusst und mit offenem Geist anpacken.

Die Schlacht bei Sempach markierte eine Zeitenwende.

Die Habsburger mussten am 9. Juli 1386 schmerzhaft erkennen, dass sie in der Schweiz nichts zu befehlen hatten.

Die alten Eidgenossen gewannen an Vertrauen; Vertrauen in sich, in ihre neue politische Idee und in ihre Gestaltungskraft.

Auch der heutige Gedenktag fällt wiederum in eine Zeitenwende.

Wirtschaftlich sind grosse Verschiebungen auf den Weltmärkten spürbar – weg von den klassischen Industriestaaten und hin zu China, Indien oder Brasilien.

Machpolitisch verschieben sich die Gewichte mit dem Erwachen der Menschen im arabischen Raum.

Technisch erinnert uns Fukushima an die Risiken unserer modernen Gesellschaft.

Risiken und Chancen dieser Veränderungen müssen wir in unsere Überlegungen einbeziehen.

In Kooperation mit anderen Staaten, mit anderen Parteien, mit anderen Menschen werden wir das Richtige tun.

Dazu braucht es Vertrauen.

Vertrauen in die eigene Kraft, die Gemeinschaft und die politische Idee.

Schenken wir einander mehr Vertrauen, dann schenken wir uns mehr Zukunft!

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