«Von der Intelligenz der Autos und der Autofahrerinnen und Autofahrer» Rede der Schweizer Bundespräsidentin Doris Leuthard

Rede der Bundespräsidentin Doris Leuthard zur Eröffnung der 80. Ausgabe des Automobilsalons in Genf.

Sehr geehrter Herr Präsident des Automobilsalons
Sehr geehrter Herr Regierungspräsident
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der eidgenössischen, kantonalen und kommunalen Behörden
Sehr geehrte Damen und Herren

Ich gebe es unumwunden und ohne schlechtes Gewissen zu: Ich fahre gerne Auto. Das Auto und die Freude am Fahren gehören - zum guten Glück - noch nicht zu den Todsünden. Ich freue mich daher, mit einer Tradition fortzufahren und den 80. Autosalon in Genf zu eröffnen.

Für mich ist und bleibt das Auto in erster Linie gleichbedeutend mit Freiheit. Ich fahre vor allem in meiner Freizeit, am Wochenende, und geniesse im Sommer die Vorzüge eines Cabriolet. Die restliche Zeit über muss ich das Steuer meinem Chauffeur überlassen und mich in der Bundesratslimousine nach hinten setzen.

Nutzfahrzeug oder Vergnügungsfaktor; das Auto ist heute ein unverzichtbarer Gegenstand unserer Gesellschaft. Es schafft Mobilität und ist gleichzeitig Inbegriff für unseren Drang nach Bewegung. Wir - Politiker und Autobauer - sind uns deshalb der Notwendigkeit sehr wohl bewusst, dass wir die Gleichung zwischen unserem legitimen Bedürfnis nach Mobilität und den Auswirkungen auf die Umwelt und damit auf unsere Lebensqualität auflösen müssen. In diesem Sinn möchte ich nun einige vielversprechende Ideen skizzieren, Ideen mit Zukunft.

Die Wirtschaftskrise und die Klimaprobleme stellen die Automobilbranche vor grosse Herausforderungen. Es ist essenziell, dass diese Herausforderungen als Chance und als Motivation gesehen werden; denken Sie etwa an die vielversprechenden Technologien, an die Wirkung auf die Forschung oder an den hohen Stellenwert der Innovation. Mit all diesen Trümpfen in der Hand wird es Ihnen gelingen, die Herausforderungen zu meistern.

Ich denke dabei speziell an die technologische Entwicklung und an die Forschung, um Motoren zu bauen, die weniger Benzin verbrauchen und weniger Schadstoffe ausstossen, an Katalysator, Partikelfilter, Elektromobil, Hybridauto, Erdgasfahrzeug oder an neue Bio-Brennstoffe, beispielsweise aus Algen. An Ideen mangelt es nicht und es ist dieser Entwicklung zu verdanken, dass ich nicht mehr die Abgase des Autos vor mir, sondern den Duft der Natur einatmen kann.

Wenn wir die Herausforderungen meistern wollen, braucht es meiner Meinung nach aber vor allem eins: Wir müssen uns bewusst werden, worauf es letzten Endes ankommt und was wir wirklich brauchen. «Intelligenz», und zwar sowohl während des Fahrens wie auch was die Nutzung des Fahrzeugs und der dafür notwendigen Infrastrukturen betrifft. Das ist es, was ich als verantwortungsbewusstes Verhalten qualifiziere. Auch wenn die Fahrzeuge technisch immer anspruchsvoller werden und diese beispielsweise seitlich selber einparken, auch wenn wir also von «intelligenten» Autos sprechen können, so darf das nicht dazu führen, dass die Person hinter dem Lenkrad vergisst, mit Köpfchen zu fahren. Im Gegenteil, sie muss ihr Transportmittel an Intelligenz übertreffen, denn sie hält das Steuerrad in der Hand, sie bedient das Gaspedal und kontrolliert die Situation.

Die Person hinter dem Lenkrad ist für die Automobilbranche die grösste Herausforderung: Die Branche muss sich der Fahrerin und dem Fahrer, der Konsumentin und dem Konsumenten, anpassen. Die Konsumenten geben heute unmissverständlich zu verstehen, was sie wollen: einen Wandel hin zu intelligentem Fahren und zu einem Fahren ohne schlechtes Gewissen, das heisst zu einem wirtschaftlicheren und ökologischeren Fahren. Wie können diese Erwartungen erfüllt werden? Indem wir eine signifikante Reduktion des Benzinverbrauchs und des CO2-Ausstosses, ja sogar die Vermeidung von Schadstoffemissionen anstreben! Das ist für die Automobilhersteller die Herausforderung par excellence. Der Markt der sauberen Autos ist ein Markt voller Versprechen!

Die Entwicklung neuer Produkte ist jedoch nur ein Aspekt. Ein weiterer ebenso wichtiger Aspekt betrifft die Notwendigkeit, unsere Mobilität mittel- und langfristig zu überdenken. Dazu gehören Fragen der Ökologie, des Verkehrsmanagements und des haushälterischen Umgangs mit dem Boden. Diese Diskussion muss auch auf politischer Ebene geführt werden.

Unsere Zeit zeichnet sich unter anderem durch eine stetig zunehmende Nachfrage nach Mobilität aus. Heute gibt es in der Schweiz 4 Millionen Personenwagen, im Jahr 2030 werden es beinahe 5 Millionen sein. Gewisse Strecken und Agglomerationen sind bereits überlastet. Es müssen dringend neue Konzepte gefunden werden, damit dieses Wachstum aufgefangen werden kann. Verkehrsüberlastung hat viele negative Folgen: Wir verbringen mehr Zeit unterwegs, und dies wiederum bedeutet, dass wir weniger Zeit für unsere Arbeit, unsere Freizeit und andere Beschäftigungen haben. Staus kommen unsere Wirtschaft allerdings teuer zu stehen: Zurzeit werden die Kosten für die Schweiz auf mehr als eine Milliarde Franken jährlich geschätzt.

Damit Sie sich das nächste Mal, wenn Sie zwischen Stossstangen eingeklemmt in einem Stau festsitzen, nicht langweilen, lassen Sie mich Ihnen ein paar Denkanstösse mit auf die Fahrt geben: Sind unsere Autos intelligent geworden, so müssen es die Strassen auch noch werden. Dazu braucht es unter anderem eine bessere Nutzung der bestehenden Infrastrukturen. In London oder Stockholm zum Beispiel hat sich das Road-Pricing als nützlich erwiesen. Es hat zu einem besseren Verkehrsfluss geführt und zu einer Reduktion des CO2-Ausstosses beigetragen. Oft ist es nicht mehr möglich, neue Strassen zu bauen oder bestehende Strassen zu verbreitern, insbesondere nicht in den Agglomerationen. Strassen und Autos mit intelligenten Vorrichtungen auszurüsten, das hingegen ist durchaus möglich.

In der Schweiz sind bereits Diskussionen geführt und Überlegungen gemacht worden zu einem Tarifmanagement. Die Entwicklung intelligenter und angemessener Systeme des Verkehrsmanagements sind Teil davon. Diese neuen Systeme werden sehr kontrovers diskutiert. Aber die Debatte zu ignorieren oder zu glauben, es würde genügen, die Ressourcen aufzustocken, um die Staus auf den Strassen aufzulösen, reicht allein nicht. Wenn wir wollen, dass unsere Mobilität ein Trumpf der Schweiz bleibt, dann müssen wir über eine intelligente Form der Mobilität nachdenken. Ein solches System, kombiniert mit einem effizienten öffentlichen Verkehr, kann auch den Alltag der Automobilistinnen und Automobilisten angenehmer gestalten. Nicht zu vergessen sind die positiven Auswirkungen auf die Umwelt.

Meine Damen und Herren, die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Automobilbranche hart getroffen. 2009 wurden in der Schweiz im Vergleich zu 2008 8 Prozent weniger neue Autos verkauft. Die Branche steht vor grossen Veränderungen, sie muss konjunkturelle aber auch strukturelle Aspekte berücksichtigen. Auch wenn die Schweiz selbst keine Autos produziert, hat die Autoindustrie dennoch einen direkten Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft, insbesondere was die Ersatzteile, das Zubehör und die Zulieferaufträge betrifft. Als Wirtschaftsministerin bin ich mir dessen besonders bewusst.

Mit einer gewissen Befriedigung stelle ich zudem fest, dass der Konsum auch in ihrer Branche wieder anzieht. Im Januar 2010 ist der Schweizer Automobilmarkt um fast 6 Prozent gewachsen. Und auch die Tatsache, dass dieses Jahr mehr als 200 Aussteller in Genf anwesend sind, ist erfreulich. Ich ermutige Sie deshalb, angesichts der Herausforderungen, die sich Ihnen stellen, optimistisch und zuversichtlich zu bleiben: Die Automobilbranche wird sich anpassen müssen, doch sie wird sich dank Innovationen auch anpassen können. Davon bin ich überzeugt. Oder in Anlehnung an Henry Ford (1863-1947), einen der Gründungsväter der Automobilindustrie: «Es hängt von uns selbst ab, ob wir die Herausforderungen als Bremse oder als Motor benutzen wollen.»

Schliesslich dürfen wir ob all der Herausforderungen, die auf Sie warten, meine Damen und Herren, die Freude am Fahren, die Ästhetik einer Karosserie nicht vergessen. Auch deswegen, vor allem deswegen, gibt es den Autosalon. Und die Autos sind nochmals schöner, wenn man weiss, dass sich unter der Haube ein «intelligenter», das heisst ein wirtschaftlicher und ökologischer Motor, verbirgt.

Genf ist in den nächsten Tagen die Stadt der Automobile - auf sie sind alle Augen gerichtet. Ich wünsche Ihnen für die diesjährige Ausgabe viel Erfolg und zahlreiche Besucherinnen und Besucher! Volle Fahrt voraus!
 

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